Kultur als Politikersatz?

Dezember 6, 2006

Wer sich ein gutes Bild über das historische Verhältnis zwischen Kultur und Politik in Deutschland machen will, sollte unbedingt zu Wolf Lepenies Essay-Sammlung greifen (Kultur und Politik – Deutsche Geschichten, 2006; jetzt auch bei der BPB erhältlich). Hierin stellt der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2006 in kurzen Geschichten dar, wie in Deutschland lange Zeit Kultur als Politikersatz begriffen wurde.

“Politik und Staat ist der Bereich der Unfreiheit, Kultur der Bereich der Freiheit und des Stolzes” (S.21). “Eine Gefahr des sentimental überhöhten Kulturbegriffes lag darin, dass er politisches Handeln zu einer Aktivität niederen Ranges herabstuft” (S.407). Das erinnert doch alles stark an etwas. Volltreffer: Hannah Arendts Kritik des (deutschen) Politikverständnisses. So nimmt es nicht wunder, dass Lepenies Arendt oft zitiert, so wie das ganze Buch in Essays die Beziehungen zwischen großen Denkern und Ländern exemplarisch für die Problematik darstellt.

In Geschichten gegliedert, ist da Buch gut zu lesen, bietet aber trotzdem sehr interessante Einblicke: Deutschland war lange nur ein Kulturvolk, nach 1815 wurde klar, dass es ein Kulturstaat werden müsse, um Bestand haben zu können. Sprengstoff bietet die Position Nietzsches nach der Reichsgründung: Für ihn sind Kultur und Macht unvereinbar; wer in der Politik triumphiert, wird in der Kultur dafür zahlen. So blieb für Lepenies bis ins 20. Jhdt. des Deutschen Ambivalenz gegenüber der Politik. Politik musste in Deutschland immer etwas Metaphysisches enthalten, was den Blick auf die Realität trübte. Antipolitische Gedanken.

Tobias

Interview in der Welt mit Wolf Lepenies

 

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